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Ursprünge des Internets


Am Anfang ...

... der frühen sechziger Jahre sind Computer groß und unbeweglich. Datenaustausch ist nur über den Transport unhandlicher Magnetbänder möglich. Als die ersten Modems konstruiert werden, ist zumindest eine Verbindung über das Telefonnetz möglich. Doch diese sehr unflexible und teure Lösung stellt die hauptsächlich betroffenen Wissenschaftler nicht zufrieden.

1962 ist der Kalte Krieg auf seinem Höhepunkt. In den USA beginnt eine Handvoll Wissenschaftler um Paul Baran in der Rand Corporation, sich die Köpfe darüber zu zerbrechen, wie das amerikanische Militär im Falle eines Nuklearkriegs möglichst auch bei weitgehend zerstörten Computernetzen kommunizieren kann. Ihr System ist genial, aber einfach: Jede Kommunikation wird in kleine Stücke aufgeteilt, die Nachrichten. Ein Netzwerk aus über Telefonleitungen verbundenen Computern versendet diese Nachrichten, indem die in jeder Nachricht enthaltenen sogenannten Routing-Informationen ausgewertet werden. Jeder Knoten im Netz verfügt über das Wissen, um Nachrichten mit bestimmten Zielen an bestimmte Rechner weiterschicken zu können. Auf diese Weise kann das Netz auch bei zerstörten Verbindungen Daten über Umwege an ihr Ziel bringen. Das erste Netzwerk, das diese neue Technik praktisch anwendet, ist ein lokales Netzwerk im National Physical Laboratory in England. Man tauft diese Art der Nachrichtenverschickung Packet Switching (Paketvermittlung).

1963 richtet der Chef der Abteilung Information Processing Technology Office (IPTO) in der Defence Advanced Research Projects Agency (DARPA), J.C.R. Licklider, ein Memorandum an alle »Mitglieder und Verbündete des Intergalaktischen Computernetzwerks«. Er hat die Vision des weltumspannenden Netzwerks als Kommunikationsmittel für Wissenschaftler und »normale« Menschen mit gleichen Interessen. Zeitgleich baut Larry Roberts im Lincoln Lab in Massachusetts zusammen mit Thomas Marill eine eigene Telefonverbindung für einen TX-2-Rechner mit einem Computer in der Firma Systems Development Corporation in Santa Monica auf. Obwohl die Verbindung teuer ist, bietet sie doch die Möglichkeit, auf dem entfernten Rechner Programme auszuführen.

1966 sponsert Lickliders Abteilung IPTO 17 verschiedenen Einrichtungen in Amerika Telefonstandleitungen zur Verbindung ihrer Computer. In einem Büro im IPTO sitzt Lickliders Mitarbeiter Bob Taylor. Er ist mit drei Terminals auf seinem Schreibtisch mit dem MIT, der University of California at Berkeley und der Systems Development Corporation verbunden. Der Psychologe fragt sich, warum er für jede Verbindung ein eigenes Terminal benötigt und warum kein Netzwerk die Verbindung erleichtert. Dies ist ganz eindeutig die richtige Frage. Die Antwort folgt drei Jahre später.

Bereits im Jahre 1968 werden vom US-Verteidigungsministerium Untersuchungen über die Möglichkeit von Wide Area Network(WAN)-Verbindungen von Rechnersystemen durchgeführt, über die im Kriegsfall zuverlässige Übertragungen von Kommandoinformationen auch dann noch möglich sein sollen, wenn einzelne Teile dieses Netzes ausgefallen sind. Es geht also in erster Linie darum, die Landesverteidigung im Kriegsfall zu gewährleisten.

Als die DARPA 1969 ein Projekt aus der Taufe hebt, das ein experimentelles paketvermitteltes Netzwerk implementieren soll, da ahnt wohl noch niemand, dass genau dieses Netzwerk das erste kleine Stück einer Straße für den erst Jahrzehnte später entstehenden »Information Superhighway« ist. Unter der Federführung der DARPA, welche dem US-Verteidigungsministerium unterstellt ist, werden diese Untersuchungen ab 1969 intensiviert. Die ARPA richtet ein erstes paketvermitteltes Netzwerk ein. Die Hostrechner kommunizieren miteinander über vier Knotenrechner, die an der University of California at Los Angeles (UCLA) und an der University of California in Santa Barbara (UCSB), der University of Utah in Salt Lake City sowie dem Standford Research Institute (SRI) in Menlo Park eingerichtet werden. Somit kann das Jahr 1969 wohl als das Geburtsjahr des ARPANET bezeichnet werden und damit auch als der Beginn einer Vorstufe des Internets.

1972 wird das ARPANET zum ersten Mal in der Öffentlichkeit vorgestellt. Dies geschieht auf der International Conference on Computer Communications im Oktober in Washington. Es ist inzwischen immerhin auf 37 Netzknoten angewachsen (1970 waren es noch 15) – und das, obwohl die Anschlusskosten ca. eine Viertelmillion Dollar betragen. Interessanterweise sind die ersten drei Dienste im ARPANET remote login (Ferneinwahl), File Transfer (Dateiübertragung) und Remote Printing (Ferndrucken). Der erfolgreichste Dienst im Internet, die Electronic Mail (elektronische Post), hat seine Feuertaufe noch vor sich.

1974 werden von Vincent Cerf (Stanford University) und Robert Khan (DARPA) erstmals die Grundzüge der TCP/IP-Architektur offengelegt. Zu den Zielen dieser Architektur zählen die Unabhängigkeit der Verbindungen von der verwendeten Netzwerk- und Hostrechner-Architektur sowie die Möglichkeit der Kommunikation über unterschiedliche Netzwerke. TCP/IP setzt sich fortan als Standard durch.

1975 geht das ARPANET den Weg, der mit dem ursprünglichen Ziel eines paketvermittelten Netzwerks eng verknüpft ist: Es wird vom Department of Defence (DoD), dem amerikanischen Verteidigungsministerium, der Kontrolle der Abteilung Defence Communications Agency (DCA) unterstellt. Damit ist klar, dass nur Organisationen in ihm bleiben, die dem militärischen Charakter des Netzes entsprechend arbeiten wollen und können. Dieses Jahr begründet, warum viele die Wurzeln des Internets im militärischen Bereich ansiedeln und warum diese Meinung umstritten ist. Tatsächlich waren es ja vier zivile Einrichtungen, die den Ursprung des Netzes bilden. Als Konsequenz aus der neuen Richtung im ARPANET beginnen die Organisationen, die den Richtlinien nicht folgen wollen, mit der Gründung neuer Netzwerke.
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1981 sind zwei dieser neuen Netzwerke schon voll im Betrieb: das CSNET (Computer and Science Network) und das BITNET (Because It's There Network). Außerdem entstehen viele kleine andere Netzwerke für spezielle Zwecke. Interessanterweise rückt schon jetzt der soziale Aspekt des Netzes ziemlich stark in den Vordergrund: Es entstehen »virtuelle Gemeinschaften« mit gemeinsamen Interessen und Netzgemeinschaften, die sich mit dem Internet selbst beschäftigen. Vor allem Physiker, Ozeanographen und Astronomen nutzen das Netz für den Austausch und für teilweise wissenschaftliche, teilweise weniger wissenschaftliche Diskussionen über die inzwischen heftig genutzten Mailinglisten. Auch der berühmte NEWS-Dienst des USENET nimmt seine Arbeit auf und bietet allen Angeschlossenen die Möglichkeit, über elektronische Schwarze Bretter themenorientierte Diskussionen zu führen.

1983, und zwar genau am 1. Januar, schlägt die offizielle Geburtsstunde des Internets. Seit Ende der siebziger Jahre ist klar, dass auch im entstehenden Internet alttestamentlich beschriebene Probleme auftauchen würden – die babylonische Sprach- bzw. Protokollverwirrung. Deswegen startet die (D)ARPA ein Projekt, in dem ein neuer Kommunikationsstandard geschaffen werden soll. Diese Protokollsuite wird TCP/IP (Transmission Control Protocol/Internet Protocol) genannt. TCP/IP wird zum Esperanto der Computernetze: Jedes Netzwerk kann mittels spezieller Paketvermittlungs-Hardware, Gateways genannt, mit anderen Netzwerken verbunden werden. Alle Netzwerke, die mit dem IP-Protokoll kommunizieren, werden von da an »Internet« genannt. Am ersten Tag des Jahres 1983 werden schließlich auch das ARPANET und das militärische Defence Data Network offiziell auf TCP/IP umgestellt: Das Internet ist »offiziell« geboren!

1988 markiert ein weiteres wichtiges Jahr in der Geschichte des Internets und macht vielen zum ersten Mal bewusst, dass weltweite Vernetzung auch weltweite Gefahr bedeuten kann. Im Orwell-Jahr 1984 – Apple stellt den Macintosh vor – sind 1.000 Rechner an das Netz angeschlossen. Drei Jahre später – Compaq baut den einmillionsten Personalcomputer – sind es bereits 10.000. Ein Jahr später wird knapp ein Prozent aller 60.000 angeschlossenen Rechner vom ersten sogenannten »Internetvirus« befallen: dem Internet Worm. Robert Morris Jr., Student an der Cornell University, schreibt ein Programm, das sich selbstständig kopiert und per E-Mail im ganzen Netz verbreitet. Tausende am Internet angeschlossene Rechner werden überlastet oder von ihren Administratoren abgeschaltet. Das Internet wird über Nacht auch außerhalb seines Nutzerkreises berühmt. Als Folge des Angriffs gründet das DoD an der Carnegie-Mellon University das Computer Emergency Response Team (CERT), das bis heute mit Ablegern in allen wichtigen ans Internet angeschlossenen Ländern für die Herausgabe von Warnungen und Sicherheitshinweisen zuständig ist.

1990 kann man als das Todesjahr des ARPANET bezeichnen. Am ersten Juni dieses Jahres wird das Netzwerk nach 21 Betriebsjahren abgeschaltet. Die militärische Komponente ist schon seit Jahren im MILNET abgespalten, und kommerzielle Anbieter wie UUNET und PSI verkaufen Internetkonnektivität an neue Netzteilnehmer und ehemalige ARPANET-Knoten. Obwohl das physikalische Abschalten des Netzes fast unbemerkt bleibt, ist seine Bedeutung als Wegbereiter des modernen Internets bis heute unumstritten. Im Jahre 1990 sind in den USA viele Privatpersonen mit Modems an das Netz angeschlossen. In Europa hingegen hat das Netzwerk erst wenige Knoten und ist bei Weitem noch nicht so erfolgreich. Inzwischen sind auch neue Tools im Netz aufgetaucht. Eines von ihnen ist Archie, ein Suchsystem für FTP-Archive. Mit diesem Programm können Benutzer über TELNET (Ferneinwahl) oder E-Mail nach Programmen suchen, die auf Internetservern abgelegt sind. Archie ist der erste Service, der versucht, die Suche in der immer schneller wachsenden Informationsflut des Internets zu erleichtern. Später entstehen weitere Dienste wie z. B. WAIS (Wide Area Information Service), der Dokumente indiziert und natürlichsprachige Anfragen erlaubt.

1991 entsteht an der University of Minnesota das erste komplexere Informationssystem. Der Gopher ist ursprünglich als hierarchisch aufgebautes Campus-Informationssystem konzipiert, entwickelt sich aber bald zum ersten Browser im Internet. Leider hat die lokal konzipierte Struktur des Gopher einen entscheidenden Nachteil: Es gibt keine Möglichkeit, in den vielen tausend Gopher-Servern weltweit gezielt nach Information zu suchen. Dieses Problem löst VERONICA (Very Easy Rodent Oriented Net-wide Index to Computerized Archives). Das von zwei Studenten entwickelte System bringt wieder etwas Ordnung in den Gopherspace.

1992 baut sich ein weiteres Gespenst am Internethorizont auf: Zum ersten Mal beginnt eine Entwicklung in Europa, und zwar am CERN in Genf in der Schweiz. Der Physiker Tim Berners-Lee versucht, Übersicht über Informationsressourcen im Internet zu bekommen, und entwickelt ein Hypertext-basiertes Dokumentenformat namens HTML (HyperText Markup Language). Ein HTML-Dokument enthält neben normalem Text und Formatierungsanweisungen für Absätze, Überschriften und andere Strukturelemente auch Hyperlinks, die als Anker für andere Dokumente im Internet dienen. Jeder Link zeigt auf einen URL (Uniform Resource Locator), hinter dem sich irgendeine im Internet gespeicherte Information verbirgt. Das zugehörige Transportprotokoll HyperText Transfer Protocol (HTTP) findet schnell Anhänger im Netz. Im November 1992 listet die WWW Projects Page am CERN 26 öffentliche Server. Das ursprünglich für Kernphysiker entwickelte System verbreitet sich unter dem Namen World Wide Web (kurz WWW, W3 oder Web) bald in der Internetgemeinschaft – zumal im Jahre 1993 die erste echte Killerapplikation die Bühne betritt.

1993 wird das Jahr von Mosaic. Marc Andreesen und ein paar andere wissenschaftliche Mitarbeiter am amerikanischen National Center for Supercomputing Applications (NCSA) entwickeln ein grafisches Frontend für das WWW. Sie nennen das Programm sinnigerweise Mosaic. Dieser erste grafische Webbrowser ist in der Lage, Text, Bilder und Töne wiederzugeben, und bietet Zugriffsmöglichkeiten auf Gopher- und FTP-Server. Das Konzept der universellen Internetoberfläche erweist sich als so erfolgreich, dass Marc Andreesen zusammen mit Jim Clark, dem ehemaligen Chef der Computerfirma Silicon Graphics, eine neue Firma namens Netscape gründet. Das erste Produkt der Firma und das bis heute erfolgreichste Internetprodukt aller Zeiten ist der Netscape Navigator, eine kommerzielle Weiterentwicklung von Mosaic.

An dieser Stelle werde ich den Exkurs in die Vergangenheit beenden, nun sollten Sie eine Idee davon haben, was für eine Pionierarbeit zur Realisierung des Internets bereits geleistet wurde ... und die Geschichte geht unaufhörlich weiter.